Pfarrer Christoph Hürlimann
                                                               Kloster und Landeskirche
                                                               Kommunität und Volkskirche
                                                               Eine fruchtbare Spannung

Der Titel «Evangelisch-reformierte Landeskirche einst und jetzt» war aus der Sicht unseres Alt- Kirchenratspräsidenten Reich gewählt. Vom Ort, dem Anlass und meiner eigenen Biographie her habe ich ein etwas anderes Thema gewählt - aus anderer Perspektive, aber doch auf ähnliche Elemente ausgerichtet. Im Sinne eines theologischen Hintergrundes möchte ich formulieren: Wie verbindlich muss, wie verbindlich darf eine Kirche sein? Es geht um das Spannungsfeld zwischen öffentlicher Kirche und der ecclesiola.

Zu den Landeskirchen in der Schweiz folgenden Vergleich aus einem anderen Bereich: Ein deutscher, ein französischer und ein schweizerischer Junge unterhielten sich im Zug über die Herkunft der Kinder. Der Deutsche sagte: Das müsse, auf Grund seiner Beobachtungen, etwas mit dem Storch zu tun haben. Der Franzose lachte ob so viel Naivität. Der Blick durchs Schlüsselloch habe ihn belehrt, dass das etwas mit den Eltern zu tun habe. Der Schweizer hielt sich den Bauch vor Lachen: Seid ihr einfache Menschen. Das ist in jedem Kanton wieder anders.

Die Schweiz ist im Lauf von Jahrhunderten zusammengewachsen. Jeder (Stand) Kanton hat sein Erbe eingebracht. Genf wird zwar die Calvinstadt genannt, ist aber kirchlich ganz vom Laizismus unseres westlichen Nachbarlandes bestimmt. Die Waadt, auch französischsprechend, war Kolonialgebiet Berns und hatte bis vor kurzem eine fast reine Staatskirche. Der Pfarrer (reformiert!) der Kathedrale von Lausanne erhielt noch lange vom Berner Statthalter zu jedem Abendmahlssonntag eine Rindszunge. Es könnte in Deutschland das Vorurteil bestehen, Calvin und Zwingli böten Gewähr für besonders fleissige Pfarrer, während Luther mit seinem eigenen Bier Gewähr für Gemütlichkeit biete. Über den Pfarrer Heinrich Trüb wird aber erzählt: «Ordiniert 1693, wurde 1694 Vikar in Stallikon, 1695 in Ellikon und Katechet in Leimbach, 1700 Pfr. In Albisrieden. 1706 wurde in der Synode über seine schlechte Amtsführung geklagt, er verlese geschriebene Predigten seines Vaters auf der Kanzel; im Sommer las er einmal folgenden Passus: «Wie schändlich ist’s, ganze Nächte mit Schlittenfahren die Kirchgass ab.» 1709 wegen Ehebruchs abgesetzt, beschäftigte er sich bis zu seinem Tode mit Abschreiben von Zeitungen.

Mit einem kirchengeschichtlichen Hinweis kehren wir zur anfänglichen Fragestellung zurück.
Im 4. Jahrhundert entwickelte sich die Kirche von der verbotenen zur erlaubten Kirche, dann zur Staatskirche, z.T. mit den Strukturen des Reiches. Es entstand die Kirche, in die man hineingeboren wurde. Diese Entwicklung wurde nicht einfach hingenommen. Antonius zog in die Wüste und lebte als Eremit. Seinen Entscheid fasste er, als er das Wort Jesu an den Reichen hörte: «Eines fehlt dir. Gehe, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben und komm und folge mir.» Ein Besucher erzählte, laut dem 8. Buch der Confessiones, Augustinus diese Geschichte, die damals nicht weit zurücklag. Der Bericht über den Entscheid des Antonius brachte Augustinus dazu, sich nach einem heftigen Ringen ganz für den Glauben zu entscheiden. Er hörte aus dem Nachbargarten den Vers: «Tolle, lege», Nimm und lies. Er ging zu einer Bibel, schlug diese bei der Stelle auf: «Wir wollen unser Leben führen, wie es sich für den Tag geziemt, nicht mit Ess- und Trinkgelagen, nicht mit Orgien und Ausschweifungen, nicht mit Streit und Hader. Ziehet vielmehr den Herrn Jesus Christus an und tut nicht, was dem Fleisch genehm ist, damit ihr nicht seinem Begehren verfällt.» (Römer 13,13 f.)
Wie Antonius widmet sich auch Augustinus dem Mönchtum und schreibt eine Regel. Der Unterschied zu Antonius: Es ist eine eindeutig der Gemeinschaft gewidmete Regel: wie später bei Benedikt. In dieser Region gibt es Kappel, das als Zisterzienserkloster das Leben in der Gemeinschaft spiegelt. Nördlich des Kantons Zürich, im Thurgau, befindet sich als Gegenpol die Kartause Ittingen, in deren Anlage das Lebenselement der Eremiten anschaulich weiterlebt. Auf dem Weg zur Volkskirche zeigt sich also parallel eine Bewegung, welche die Verbindlichkeit des Lebens im Glauben unterstreicht. Augustin hegte auch den Gedanken, dass die Weltpriester in monastischer Gemeinschaft leben sollen.

Volkskirche - und doch Verbindlichkeit: ein Sprung ins 19. Jahrhundert. Nun stellt uns der Däne Sören Kierkegaard in die Frage des Entweder - Oder, das dann im 20. Jahrhundert die Wirkung entfaltete. So schildert der Däne, in eindeutiger Frontstellung gegen die Dänische Reichskirche, den Gleichgültigen: «Ein solcher Mensch hat dadurch, dass er so sich selbst verlor, die Perfektheit gewonnen, recht in Handel und Wandel mitzugehen, ja, sein Glück in der Welt zu machen.» «Er ist abgeschliffen wie ein Kieselstein, kurant wie eine gangbare Münze. Niemand wird ihn für verzweifelt halten, ist er doch gerade ein Mensch, wie es sich gehört.» Dem tritt Jesu Wort entgegen: …«Denn was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber Schaden nimmt an seinem Leben.» (Matthäus 16,26) Kierkegaard wendet sich an den Angepassten, der an seiner Berufung vorbeilebt, als gängige Münze. Er bezeichnet dessen Zustand, so munter dieser Mensch als gängige Münze scheint, als Krankheit zum Tode oder verborgene Verzweiflung.
Dieses Entweder - Oder hat den jungen Max Frisch stark aufgerüttelt. Stiller, homo faber, Gantenbein sind Menschen, die gegen die Anpassung ihre Identität suchen. Auf ganz andere Weise geht auch Karl Barth durch dieses Entweder - Oder Kierkegaards. Wie Frisch wurde auch er keine gängige Münze. In umgekehrter Richtung wie Antonius und Augustinus im 4. Jahrhundert sind wir heute gegenüber allem Abgeschliffenen auf neue Weise in einem Entweder - Oder. Das spiegelt sich im Ringen der Kirche um ihre Identität, auch in der Auseinandersetzung der Volkskirche mit der Kommunität, bzw. jedem Ort, an dem der verbindliche Glaubensweg angestrebt wird. Augustinus und Kierkegaard hatten, wie zwischen ihnen Blaise Pascal, ausgesprochene Bekehrungserlebnisse; erlebten eine Art Schritt des Ergriffenseins von Christus.

Im Wissen, dass das unbescheiden wirken kann, wende ich mich gleichsam mit meiner Erfahrung hier am Ort der dargestellten Problematik zu - in der Hoffnung, dass Sie sich aus Ihren Aufgaben und noch mehr aus Ihren Herzen heraus der angesprochenen Grundfrage verbunden fühlen. Ich möchte etwas aufgreifen, was uns im Innersten - wenn auch spannungsreich - verbindet, auch mit den Zisterziensern selber.

Eine Art persönlicher Rückblick:
1964 hielt ich mit meiner Frau und einem einjährigen Sohn im benachbarten Pfarrhaus Einzug. Als ich im vorangehenden Winter 62/63 das Praktikum bei Pfarrer Werner Gysel in Oberrieden absolvierte, besuchte mich der damalige Kirchenratspräsident und machte mich auf diese Pfarrstelle aufmerksam. Hier warte eine wichtige Aufgabe, da sich für die «Anstalt Kappel», damals in den Klostergebäuden, ein Wandel abzeichne. Als Pfarrer war ich ex officio Aktuar des Vereins Anstalt Kappel, welcher durch die Kirchgemeinden des Bezirks gebildet wird. Die politischen Gemeinden hätten die «Anstalt», also das Kloster, gerne übernommen. Dies sollte verhindert werden. Zuerst ging es darum, durch eine Revision der Statuten die Landeskirche aufzunehmen und eine neue Zweckbestimmung zu ermöglichen. Dies gelang, obwohl dafür Einstimmigkeit nötig war. Nun kam Robert Kurtz 1967 erneut und beauftragte mich, einen Vorschlag für die künftige Verwendung auszuarbeiten. Dazu wurde ich teilweise vom Pfarramt beurlaubt. Der Präsident brachte mir zwei Unterlagen mit: den Prospekt eines Hauses der Stille am oberen Wannsee in Berlin und das Buch «Frei für Gott und die Menschen, das Buch der Bruder- und Schwesterngemeinschaften, herausgegeben von Lydia Präger.» Auch das Ticket Berlin retour wurde mir zugesichert. So reiste ich in meine Geburtsstadt, hatten meine Eltern doch in Berlin bis August 1939 den Atlantis Verlag geführt. Im Haus der Stille in Berlin lebte ich, begleitet von Michaelsbruder Pastor Weschke und seiner Frau, 2 Wochen. Dort wurde mir die Bedeutung einer tragenden Gemeinschaft im Haus und eines tragenden Gebets klar. Es ging auch um die Frage der Stellung eines solchen Hauses in der Kirche. So hatte ich ein Gespräch mit einem Oberkonsistorialrat über dieses Thema. Er legte Wert auf «die lange Leine» zwischen Kirche und Haus. Trägerschaft war deshalb auch nicht die Berliner Kirche, sondern die Gabrielsbruderschaft.

Ein längerer Besuch im Kloster Kirchberg schloss sich an. Dekan Rohleder führte seine beiden Dackel tatsächlich an einer langen Leine. Er betonte in den Gesprächen eine gewisse Skepsis, die hochkirchlichen Liturgieen der Michaelsbruderschaft in der Schweiz zur Anwendung zu bringen. Er hatte ein gutes Augenmass für Nähe und Distanz zwischen kirchlichem Leben in Deutschland und der Schweiz. Gleichzeitig mussten wir ja doch bei den Erfahrungen anderer anknüpfen.
Im Blick auf Kappel war es nun sinnvoll, auch in der ganzen liturgischen und Lebenswelt von Taizé noch Erfahrungen zu sammeln, damals noch weitgehend reformiert geprägt. Es galt die vielgestaltige Schweiz ernst zunehmen. Unser Kirchengesangbuch, das zum Teil in Kappel seine Prägung erhielt, enthält deutsche, schweizerdeutsche, französische, italienische, romanische, darüber hinaus lateinische und englische Lieder. Am Tisch meiner Schwiegereltern wurden Kirchenlieder deutsch und in rumantsch-ladin, dem Engadiner Romanisch gesungen. Aus den erwähnten Besuchen entstand der Bericht, den ich 1968 dem Kirchenrat vorlegte und der die Grundlage der weiteren Entwicklung bildete, auch wenn das Projekt noch verschiedene Federn lassen musste.
Als Vertreter der Landeskirche übernahm nach Kurtz Werner Kramer, Leiter des Seminars Unterstrass, die Verantwortung für «Kappel». Mit letztem Einsatz setzte er sich für die Realisierung ein. Für Werner Kramer und Susanne Kramer war wesentlich, dass sie in der Lehrerausbildung mit den in Kappel angewendeten Wegen gute Erfahrungen machten. Dies geschah zuerst nicht in der baulichen, sondern der geistigen Planung. Von ganz grosser Bedeutung war, dass er das Tagzeitengebet als tragendes Gerüst unterstützte. Mit Pfr. Jakob Frey wurde ein Mann erster Leiter des Hauses, der neben den Tagzeitengebeten als zweiten Pol die Gemeinschaft entwickelte. Als Gemeindepfarrer blieb ich für die Morgengebete zuständig. So entwickelte sich innerhalb der Landeskirche ein Ort des kirchlichen Lebens, der immer noch in Entwicklung ist. Ich schildere nun aber nicht die weitere Entwicklung, sondern möchte mich dem Grundverhältnis Landeskirche und Kommunität/Kloster zuwenden. Eine Einfügung ist hier aber unerlässlich: die Oekumene. Ich berichte davon aus meiner Sicht, auch wenn ich weiss, dass z.B. Werner Kramer über eine profundere Erfahrung verfügt.

Nach dem Wirtschaftsgymnasium musste ich die alten Sprachen nachlernen. Das war 1957-1960. Ich nahm Privatstunden bei einem engagierten Katholiken, der mich fast gratis unterrichtete, so am 28. Oktober 1958. Kurz vor 16 Uhr brach er ab und lud mich zu einem Bier in ein benachbartes Restaurant ein. Er wolle die Nachrichten hören. Mir schien das seltsam - aber nicht lange: Die Papstwahl war zustande gekommen. Angelo Giuseppe Roncalli, Patriarch von Venedig, Johannes XXIII: Mein katholischer Lehrer: «Wider sonen alte Chlaus.»
Er hatte sich geirrt. Es folgte das Konzil. Kardinal Bea ergriff die Initiative zum oekumenischen Dialog. Die oekumenischen Kontakte wurden zum fruchtbaren Impuls bei der Planung hier in Kappel. Als wir für die erste Projektierung zu betteln begannen, kam die erste Zahlung vom Mutterkloster Hauterive. Unsere Probekurse machten wir u.a. bei den Dominikanerinnen in Bethanien, den Jesuiten im heutigen Lassalle Haus, im Priesterseminar Innsbruck wurden wir spontan in den Meditationskurs eines Deutschen Bistums von Vladimir Satura aufgenommen. Gleichzeitig führten wir für unser wöchentliches Abendmahl das Formular der Schweiz. Liturgiekommission ein, das dem Messeformular folgt. Immensee und Kappel waren Ausgangspunkt einer Radioreihe «Oekumenische Meditationen.» Wir hatten an einem gemeinsamen Lernprozess Anteil, der uns tief befruchtete. Zugleich entstanden schwesterliche und brüderliche, bzw. geschwisterliche Kontakte, die von einer tiefen Hoffnung erfüllt waren. Es war ein Aufbruch der Kirche, in dem Orte der Sammlung, Klöster, Kommunitäten eine sehr grosse Rolle spielten. Die Mitte dieses Prozesses war und ist das gemeinsame Gebet und die Ermutigung zum gemeinsamen Gebet.
Solch alte Gebäude wie unsere Klöster könnten ja Gemäuer sein, die lähmen. Dieser Aufbruch, der damals blühte und hoffentlich weiterblüht, macht die alten Häuser und Kirchen zu echten Zelten, in denen wir unterwegs waren: das in Zelten wandernde Gottesvolk. Am Rande seien auf andere Einflüsse in diesem Prozess hingewiesen: die Spiritualität der Befreiungstheologie, die Spiritualität des Feminismus: Elemente, die in den letzten 10 Jahren durch Dorothea Wiehmann vertreten waren.

Kehren wir zur Grundfrage zurück: dem Verhältnis der Landeskirche zur Kommunität, des Klosters zur Volkskirche: Wie ist ihre Beziehung? Wie verbindlich muss, wie unverbindlich darf Kirche sein? Braucht in erster Linie die Volkskirche die gesammelte ecclesiola oder braucht umgekehrt die ecclesiola die Weite der Volkskirche? Dies wäre ja auch wichtig für eine Kirche der Zukunft, die nicht mehr Landeskirche ist, nicht mehr automatisch Kirche, in die man hineingeboren wird.

Zuerst ein Gedanke zur Bewegung zwischen diesen beiden Grössen, wie sie jetzt besteht. 1967 fuhr ich nach Berlin, um den Impuls einer verbindlichen Hausgemeinschaft ins weite Feld der Zürcher Landeskirche zu bringen. In Basel wurde vor einiger Zeit eine Gemeinschaft «Don Camillo» gegründet. Sie erweiterte sich später zu einer Familiekommunität in Montmirail, in einem ehemaligen Sitz der Herrenhuter im Kanton Neuchatel. Eine Besonderheit: Die Kirche von Neuenburg hat zwei Kommunitäten, diejenige von Montmirail und diejenige von Grandchamp, die nach der Regel von Taizé lebt. Ihnen wurde der Status von Kirchgemeinden gegeben. Vor kurzem ist eine Broschüre erschienen: 100 Jahre Segenskirche Berlin, hrsg. von der Evangelischen Kirchgemeinde Prenzlauer Berg Nord und der Kommunität Don Camillo Stadt Kloster Segen. Hier hat sich nicht nur eine schweizerische Institution als EU-tauglich erwiesen. Hier entwickelte sich in der Grossstadt ein Projekt Landeskirche - Kommunität. Es passt auch in die Situation der Grossstadt. Don Camillo war der katholische Geistliche, der mitten in einem kommunistischen Städtchen die christliche Fahne hochhielt, in eine Demonstration mit Hammer und Sichel die Kirchenglocken hineindonnern liess, dann aber des Miteinander mit dem roten Bürgermeister suchte: Don Camillo in der Segenskirche.

Die Zukunft dieses Miteinander - ob in Berlin oder Zürich oder Basel? Könnte es anders werden, als dass die ganze Landeskirche Kommunität wird? Sollte nicht der Sauerteig die Kirche so durchdringen, dass sie nur noch bekennende Kirche ist? Oder gibt es einen Grund, der Kirche diese Spannung zu erhalten.

Als Ausgangspunkt: André Gide, Le retour de l’enfant prodigue. Der Hintergrund: Paul Claudel hatte 1886 eine Offenbarung bei der Weihnachtsmesse in Notre-Dame de Paris. 1890 konvertierte er zur katholischen Kirche. Ab 1899 ist er im Briefwechsel mit Gide und versucht diesen zum Übertritt zu bewegen. Die selbstsichere Art Claudels - «Ich habe meinen Gott!» - findet bei Gide keinen Anklang. Er schreibt als Antwort an Claudel «Die Heimkehr des verlorenen Sohnes.»

Gide erweitert das Gleichnis durch zwei Personen: die Mutter und den nachgeborenen Sohn, einen noch jüngeren Bruder. Entscheidend sind die Gespräche des Heimgekehrten. Im Zentrum steht das Gespräch mit dem Allerjüngsten. Die anderen Gespräche ganz kurz:
Der Vater: Gott wirkt fast zurückgezogen. Ist Gott daheim oder ist er auch draussen? Der Aufbruch des verlorenen Sohnes wird als Weg denkbar, Gott ausserhalb zu entdecken.
Der ältere Bruder: Er hat die Verwaltung übernommen. Er gleicht dem Grossinquisitor bei Dostojewski, der die Ruhe, die Ordnung verwaltet.

Die Mutter. Sie ist die Kirche als Spenderin von Schutz und Geborgenheit. Sie möchte, dass der Heimkehrer den Nachgeborenen davon abhält, auch auszuziehen.
Die letzte Begegnung ist diejenige zwischen dem verlorenen Sohn und dem jüngsten Bruder. Der Jüngste hat seinen Bruder, der einst aufbrach, bewundert. Auch für ihn ist Gott nicht an den Hof gebunden. Er ist auch ausserhalb dessen und dort neu zu finden. Von der Heimkehr des Bruders ist der Jüngste enttäuscht. Es ist eine Kapitulation des Aufbruchs vor der Bequemlichkeit. Dies ist der Protest Gides gegen Claudel, der sich durch eine Stimmung hat einlullen lassen. Der Jüngste drängt selber zum Aufbruch. Er möchte den Heimgekehrten mitnehmen. Dieser wehrt ab. Er begleitet ihn zur Türe, stärkt ihn, hat aber nicht die Kraft, selber aufzubrechen. Der Aufbruch ist gerade nicht das Verlassen des Vaters, sondern der Aufbruch, in dem er den Vater neu sucht. Der Jüngste tritt die Reise an, den Vater neu zu entdecken, ausserhalb der Regeln des Hofs, der Mutter, des älteren Bruders.

Die Zukunft der Landeskirche? Die Zukunft engagierter, tragender Menschen oder Gruppierungen in der Landeskirche - Kommunitäten, Klöster? Die Zukunft des Miteinanders von Landeskirche und Kommunität? Lässt sich sagen: Der Vater ist dort, wo das gemästete Kalb ist, das Festkleid, der Ring, - und der ältere Bruder, der für Ordnung sorgt? Oder: Der Vater ist in der Wüste, dort, wo es den verlorenen Sohn hinzieht, weswegen ihn der jüngere Sohn bewundert und seine Heimkehr bedauert?
Wo sind wir bei Gott «daheim»?

Geben wir nicht allzu schnell eine Antwort!
Es braucht ein Miteinander! Unsere alten Klöster - renoviert oder Ruinen - als Chance der Begegnung; als Raum der verbindlich Engagierten: der Gemeinschaft im Gebet.
Es braucht das Miteinander! Die Menschen in der Offenheit der Landeskirche, die Leere, in der man dem Vater plötzlich überraschend begegnet.

Es braucht das Miteinander: Die Menschen daheim, die den verlorenen Sohn wieder aufnehmen, aber nicht als Richter, sondern in der Achtung für seinen Weg und seine Erfahrungen in der Wüste. Es braucht den Ausreisser, der draussen in der Wüste gesucht hat, heimkehrt und erzählt - aber ohne den Dünkel, er habe allein die wahre Entdeckung gemacht.

Es braucht das Miteinander: Der verlorene Sohn, der daheim bleibt nach seiner Rückkehr; der Nachzügler, den es auf seine Entdeckungsreise zieht.

Wo ich André Gide widerspreche? In der Bestimmtheit, mit der er fordert, der Jüngste soll nicht heimkehren. Damit wird eine abgeschlossene Situation geschaffen, Begegnung ausgeschlossen. Die Liebe lässt die Türe für eine künftige Begegnung offen. Es gibt nicht ein einziges echtes Daheim bei Gott. Wir achten lebendig darauf, wohin wir geführt werden und wohin der andere geführt wird.

29. April 2011
Pfarrer Christoph Hürlimann
Tömlimatt 1
Ch-8926 Kappel a/Albis
Mail: chrm.huerlimann@ bluewin.ch

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