Dr. Johannes Jürgen Siegmund
Bericht zum 19. Jahrestreffen in Kappel am Albis /Schweiz vom 28. April bis 1. Mai 2011

Aus der kirchlichen Gemeindearbeit von Pfarrer Paul Geißendörfer in Heilsbronn erwuchs im Verlauf von dreißig Jahren die "Gemeinschaft Evang. Zisterzienser-Erben in Deutschland." Deren Teilnehmer finden sich alljährlich seit 1993 zu Jahrestreffen aus ganz Deutschland an einem anderen ehemaligen Zisterzienserkloster, das seit der Reformationszeit sich in evangelischer Nutzung befindet oder sich auf veränderte Weise als Kloster, so in Loccum und Amelungsborn oder in niedersächsischen sowie brandenburgischen Damenstiften weiterbesteht.

Mit dem 19 Jahrestreffen vom 28.04,-01.05.2011 im Kloster Kappel am Albis traf sich die Gemeinschaft mit 150 Teilnehmern erstmals in der Schweiz. Kappel war von 1185 bis 1527 ein Zisterzienserkloster, das sich heute im Besitz der Reformierten Landeskirche des Kantons Zürich befindet und als "Haus der Stille" - Seminarhotel geführt wird.

Zwei geschichtsträchtige Höhepunkte des Kappeller Treffens fanden bereits zu Beginn statt. Der festliche Abendmahlsgottesdienst am 28. April überraschte durch eine dem 'Lutheraner' vertraute Liturgie. Für den krankheitshalber verhinderten reformierten Kirchenpräsidenten Ruedi Reich, hielt Pfarrer Thomas Plaz-Lutz die Predigt über 1. Joh. 4, 13-16a. Er nahm darin den monastischen Gedanken der "stabilitas loci" auf und verband ihn mit dem Bleiben in Christus als ortbeständige Beharrlichkeit im Glauben, um den Bogen zu schlagen zur Beständigkeit im Bekenntnis zu Christus, der "stabilitas confessionis". Beide Stabilitäten müssen getragen werden vom Gespräch mit Gott und untereinander"...am besten gebetsstündlich oder aber sonntäglich: die stabilitas confessionis wird im Raum und in der Zeit nur gestalthaft (und damit 'leserlich') durch eine stabilitas loci und eine stabilitas orationis, der Beständigkeit vor Ort und im Gebet.

Während des Gottesdienstes saßen in der Gemeinde der Generalabt des Zisterzienser-Ordens, Mauro Guiseppe Lepori, Generalprokurator P. Dr. Meinrad Tomann OCist, beide aus Rom; Abt-Präses Dr. Anselm van der Linde, Mehrerau/Bregenz; Alt-Abt Dr. Kassian Lauterer, Mehrerau; Abt Wolfgang Wiedermann von Zwettl; Abt Marc de Pothuau von Hauterive; Äbtissin Luitgard Feierabend von Eschenbach und andere Zisterziensermönche- und Nonnen. Jene Delegation des Zisterzienserordens kam einem ökumenischen Durchbruch in den seit 2000 gewachsenen geschwisterlichen Beziehungen gleich. Daher war es sehr hilfreich, daß der Beauftragte der EKD für die evangelischen Kommunitäten Schwestern- und Bruderschaften, Bischof Jürgen Johannesdotter, anwesend war. Als Verantwortliche der Gemeinschaft waren Pfarrer Geißendörfer, der Abt zu Loccum, Landesbischof i.R. D. Horst Hirschler und der Alt-Abt von Amelungsborn, Dr. Hans-Christian Drömann zugegen.

Nach Abschluss des Eröffnungsgottesdienstes richtete der Generalabt des Zisterzienserordens, Mauro Guiseppe Lepori, offiziell eine Grußbotschaft an die Anwesenden der Gemeinschaft Evang. Zisterzienser-Erben in Deutschland: "Was wir hier heute erleben, ist Oekumene - das heißt: Versammlung im einen Haus. Katholisches Mönchtum der Zisterzienser-Tradition und Evangelische Erben, die aus der Quelle zisterziensischer Spiritualität schöpfen, treffen sich zum gemeinsamen Gottesdienst, zum gemeinsamen Feiern." Er entfaltet von der Benediktregel aus, daß dem Gottesdienst nichts vorgezogen werde. Das Innehalten und die Konzentration auf das Wesentliche unseres Lebens, leer werdende Hände auszustrecken und sich neu füllen zu lassen, um verfügbar zu werden für Gottes Wirken in unserem Leben. Mit dem Bild von der Taube des Heiligen Geistes, die auf den Herrn bei seiner Taufe herabkommt, erläutert der Generalabt, daß es darauf ankomme, ob wir dieser scheuen Taube auf unserer Schulter oder unserem Haupt stillhalten oder in wildem Aktionismus vertreiben. "Nur Stillehalten und Schweigen machen es möglich, daß sie bei uns bleibt. Der auferstanden Herr hat uns den Heiligen Geist versprochen. Er will ihn in reichem Maß, im Übermaß über uns ausgießen." Die Frage ist nur, ob wir ihn durch den Lärm unserer Konflikte und Trennungen fortjagen. "Es ist wichtig für uns alle, für uns Mönche wie für Sie, daß wir das Anhalten lernen", damit der Heilige Geist bei uns bleiben und in uns wirken kann. "Er wird überbrücken, was uns trennt."

Das 19. Jahrestreffen hatte sich dem Thema "Reformierte Spiritualität" gestellt. Reformierte Theologinnen und Theologen referierten hierzu:
"Die Züricher evang.-ref. Landeskirche einst und jetzt" (Christoph Hürlimann);
"Entwicklungen und Eigenheiten des reform. Protestantismus in der Schweiz" (Ulrich Graf);
"Reformierte Kirchen in der Schweiz - aktuelle Herausforderungen" (Markus Sahli).

Mit der persönlich engagiert vorgetragenen Meditation "Dem Glauben Raum geben - Räume des Glaubens" von Dorothea Wiehmann Giezendanner wurden die geschichtlichen Erfahrungen der gegenwärtigen Probleme der reformierten Kirche in der Schweiz anschaulich vermittelt.
Eingebettet waren die Kappeler Tage in den Rhythmus der vier Tageszeiten, morgens, mittags, abends und im Ausklang des Tages mit der Komplet.

Der letzte Tag des 19. Jahrestreffens galt der ökumenischen Exkursion in die Zisterzienserinnen-Abtei Wurmsbach am Zürcher Obersee. Die Nonnen dort unterhalten eine Impulsschule für 110 Mädchen von 11-17 Jahren. Die Teilnehmer in der Gemeinschafe Evang. Zisterzienser-Erben wurden von Äbtissin M. Monika Thumm und den Mitschwestern begrüßt und nach gemeinsamem Mittagsgebet in der Kriche durch das Kloster geführt und mit Mittagessen bewirtet.

Den Abschluß der Exkursion bildete der Besuch der Benediktiner-Abtei Maria Einsiedeln. Nach einer informativen Video-Schau über das Kloster begrüßte Abt Martin Werlen OSB die Teilnehmer und es entspann sich mit ihm ein sehr lebhaftes sowie auch kontroverses Gespräch über das Mönchtum. Dabei insistierte Abt Werlen darauf, angesichts des Entstehens kommunitärer Gemeinschaften im Protestantismus und dessen neue Aufgeschlossenheit für monastische Spiritualität, jenen Artikel gegen das Mönchtum in der Confessio Augustana, dem Augsburger Bekenntnis von 1530 zu revidieren. Dem hielten evangelische Diskutanten entgegen, daß die Verurteilung des Mönchtums und des Klosterlebens im Augsburger Bekenntnis von 1530 eine Zustandsbeschreibung des historischen Ist-Standes von damals seien, die dokumentiert sind und auch bleiben. Die Verwerfungen selbst sind heute überholt, denn keiner geht mehr zu egoistischen Selbstrettung in ein Kloster, sondern weil er einen Ruf erfahren hat, so und nicht anders leben zu können.

Was sich allerdings heute positiv über kommunitäres Leben im Protestantismus und sich ebenfalls auch im Katholizismus feststellen läßt, sind: die konkrete Nachfolge Christi in Kirche und Welt, das Bleiben in der Liebe und im Gebet.

Text: Dr. Johannes Jürgen Siegmund
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